• Heidi Hell

Nein, das schmeckt mir nicht! – Wenn Kinder Obst und Gemüse verschmähen

Jedes Kind is(s)t anders. Wenn Eltern im Rahmen eines Vortrages versuchen mir zu erklären, wie sich ihr Kind ernährt und mich dann um einen Ratschlag fragen, wie sie ihm beispielsweise Gemüse schmackhaft machen können, dann könnte ich mit sehr großem Glück vielleicht einen passenden Tipp aus meinem Hut zaubern. Die Gefahr ist jedoch zu groß, dass ich danebenliege und die Eltern sich missverstanden und schlecht beraten fühlen. Ernährungsberatung funktioniert halt nicht zwischen Tür und Angel!

Ein paar Überlegungen und Erfahrungen möchte ich deshalb hier niederschreiben für alle Eltern und Großeltern oder Betreuungspersonen von Obstverweigerern und Gemüseverschmähern. Zum Einstieg empfehle ich auch meinen Beitrag, “Wie sich unser Geschmack entwickelt”.

  1. Wie “schlimm” ist es wirklich? Isst ihr Kind tatsächlich gar kein Obst? Oder Gemüse? Wieviele verschiedene Sorten braucht man denn (wieviele verschiedene Getreidesorten oder Hülsenfrüchte verwenden wir denn so im Schnitt?) Wenn es nur ein paar Sorten sind, die ihr Kind mag, dann darf es die auch täglich essen. Kinder sammeln und malen gerne. Lassen sie ihr Kind auf ein Blatt alle Obst- und Gemüsesorten, die es gerade gerne isst zeichnen. Kommt eine neue Frucht dazu, darf sie dazugemalt (oder aus einem Prospekt ausgeschnitten) werden. Vielleicht werden auch sie staunen, wieviele Sorten ihr Kind tatsächlich mag!

  2. Nicht Zuviel darüber reden! Wenn sie ihr Kind der Oma mit den Worten übergeben: “Und bitte keine Broccolisuppe, du weißt, er mag die nicht!” haben sie vielleicht eine wichtige Chance vertan! Oma traut sich nie mehr etwas mit Broccoli zu kochen, obwohl ihr Kind bei ihr eigentlich alles essen würde. Besser sie weiß es nicht, was ihr Enkelkind gerade alles nicht essen mag! Und bietet ihm ganz unbefangen etwas an, das ihm plötzlich vielleicht doch schmeckt! Omas sind in der Regel auch für den Fall, dass ihrem Kind die Broccolisuppe nicht schmeckt mit Butterbrot und blitzschnell herbeigezauberten Palatschinken gewappnet!

  3. Rollenspiele So wie ihr Kind an Omas Mittagstisch vielleicht nicht wiederzuerkennen ist, so gibt es auch ähnliche Erfahrungen im Kindergarten. Zu ihrem großen Erstaunen erfahren sie, dass ihr Kind mit allen anderen bei der gemeinsamen Obstjause begeistert zugreift, obwohl es zuhause nie Obst essen würde. Es könnte sein, dass die andere Umgebung Wunder wirkt, dass ein bisschen Futterneid mit im Spiel ist oder einfach nur das miteinander essen so schön ist. Vielleicht ist es auch gut, dass die Bezugspersonen im Kindergarten nicht zu viel von den Vorlieben und Abneigungen der einzelnen Kinder wissen. Was für eine Wohltat für ihr Kind! Es kann hier eine andere Rolle einnehmen als zuhause. Ist es in der Familie die kleine Schwester eines Bruders kann es im Kindergarten in einer Gruppe von Freundinnen eine neue Rolle erfahren. Und irgendwann ist sie die Schulanfängerin und die Größte, die sie neben dem großen Bruder nie sein wird. Hat ihr Kind zuhause die Rolle des Gemüseverweigerers einmal eingenommen (und das ältere Geschwister isst “so brav” und soll als Beispiel genommen werden) wird es sie so schnell nicht mehr los.

  4. Das Kind als Experte Wenn es so ist, dass ihr Kind woanders deutlich mehr Obst und Gemüse isst, dann könnten sie es auch fragen: “Was können wir denn machen, dass dir das Obst zuhause auch so gut schmeckt?” Lassen sie ihr Kind nachdenken, seien sie gespannt darauf, welche Antwort sie bekommen, statt ihm die Antwort auch gleich mitzuliefern. So werden sie Dinge über ihr Kind erfahren, an die sie selbst noch nicht gedacht haben!


  1. Lassen sie ihr Kind selbst entscheiden! Ja, ich finde Kinder sollten beim Essen selbst entscheiden können. Ich als Mutter / Vater behalte dennoch die Zügel in der Hand, indem ich den Rahmen abstecke und Entscheidungsmöglichkeiten anbiete. Sie möchten eine Gemüsesuppe kochen? Fragen sie ihr Kind ob es lieber Kürbis- oder Kartoffelsuppe möchte (vielleicht fällt ihrem Kind auch noch eine dritte vertretbare Variante ein – z.B. Nudelsuppe mit Karottenstücken). Fragen sie ihr Kind beim Einkaufen, ob es Äpfel und Weintrauben am Nachmittag haben möchte oder Birnen und Mandarinen. Wenn sie möchten, dass ihr Kind zur Jause dunkles Brot oder Vollkornbrot isst, dann sollte kein Weißgebäck am Tisch stehen. Kinder – aber auch Erwachsene – können solchen Versuchungen nur schwer widerstehen! Quälen sie es nicht mit zu vielen Angeboten! Für jüngere Kinder reichen zwei Auswahlmöglichkeiten. Selbst-Entscheiden heißt also nicht: Überleg dir, worauf du gerade Lust hast. Sondern: Diese zwei Möglichkeiten hast du, welche ist dir lieber? So hat ihr Kind das Gefühl selbst entschieden zu haben und erfährt seine Selbstwirksamkeit und Selbstbestimmung und auch sie selbst werden mit der Entscheidung des Kindes zufrieden sein.

  2. Sprache schafft Wirklichkeit! Unsere Kinder übernehmen unsere Denkweise und auch unsere Sprache. Wenn sie neben ihrem Kind öfter sagen “Das magst du nicht” dann wird es das irgendwann auch über sich selbst sagen. Es weiß dann “Ich mag das nicht”, nur weil es diesen Satz oft genug gehört hat. Auch in der Werbepsychologie ist bekannt: “Was man oft genug hört, wird zur Wahrheit”. Probieren Sie einmal Folgendes aus: Erzählen sie jemand anderem im Beisein ihres Kindes, wie gerne ihr Kind zum Beispiel Karotten isst (behalten sie für sich, dass ihr Kind mehr als 100 weitere Gemüsesorten nicht isst, das trifft wahrscheinlich auch auf sie und mich zu). Es geht in erster Linie darum, dass ihr Kind das hört (und nicht die Person, der sie es erzählen). Ob diese Maßnahme direkt zu einer Veränderung im Essverhalten führt, kann ich nicht garantieren. Aber auf jeden Fall stärken sie den Selbstwert des Kindes. Niemand lässt sich gerne seine Schwächen vorhalten (“das kannst/magst/schaffst,…du nicht), Lob hingegen motiviert und spornt an.

  1. Die Konsistenz und Zubereitung entscheiden Ein sehr einfacher Grund warum Kindern manches nicht schmeckt ist die Konsistenz. Es kann zu weich, zu fettig, zu hart sein, im Brot dürfen keine Kerne sein, in der Suppe kein weiches Gemüse…Auch hier wäre wichtig nachzufragen und draufzukommen, welche Vorlieben das Kind hat “Wie magst du die Suppe am liebsten?” Zwei Konsistenzen, die fasst immer bei Kindern Anklang finden sind: cremig (Cremesuppen, Pudding, Fruchtjoghurt) und knackig (Apfel, Karotte, Chips, Soletti). Auch die Zubereitung spielt eine entscheidende Rolle: manche knabbern mit Leidenschaft Karottensticks und löffeln dann akribisch jedes Stückchen gekochte Karotte aus der Suppe. Manche Kinder würden gerne Salat essen wäre er nicht so sauer und salzig. Auch hier gilt: Nachfragen oder verschiedene Zubereitungen ausprobieren.

  2. Geschmack verändert sich 

  1. Wahrscheinlich gibt es noch unendlich mehr Punkte, die diesen Artikel vervollständigen würden! Ablehnung von Nahrungsmitteln, weil sie uns nicht guttun wäre beispielsweise noch ein wichtiges Thema, das aber auf jeden Fall eine umfassende Ernährungsberatung und medizinische Abklärung benötigen würde. Wenn ihnen noch wichtige Punkte einfallen, freue ich mich auf ihren Kommentar!

#Kinder #Ablehnung #Gemüse #Tipps #Verweigern #Obst

© 2010 by Foodcoach, supported by mb-fotodesign

  • Instagram
  • Pinterest